„Die Kirche ist zwar keine Demokratie, aber eben auch keine Monarchie“

Das jährliche Interview mit Pfarrer Dr. Steinke im Juni 2021

 

Das jährliche Interview mit Pastor Steinke, der seit April 1997 hier ist, über die aktuelle Kirchenkrise, Macht und Klerikalismus.

 

MITEINANDER: Wenn in Köln weiterhin so viele Menschen aus der Kirche austreten wie in den letzten Monaten, hat eine Tageszeitung errechnet, gibt es in der Stadt Köln im Jahr 2042 keine Katholiken mehr … Wie sieht das in Flingern/Düsseltal aus?

Ansgar Steinke: Ich habe nicht den Eindruck, dass die Austrittszahlen bei uns dramatisch gestiegen sind. Sie waren vielmehr bei uns im Stadtteil schon seit Jahren sehr hoch, weil gerade in Flingern, aber auch in Düsseltal, besonders viele Menschen genau in der Lebensphase leben, in der die Meisten aus der Kirche austreten: im Alter zwischen 20 und 40, also nach der Ausbildung, zu Beginn einer Partnerschaft, am Anfang der Familiengründung, erstmals von den Eltern weg usw.

In manchen Gemeinden treten aber jetzt zum ersten Mal Menschen aus der Kirche aus, die zum engsten Kreis gehören. Das ist mir von engagierten Gemeindemitgliedern bei uns noch nicht bekannt, wohl aber dass davon eine ganze Reihe darüber nachdenken. Auch bei uns, z.B. im Pfarrgemeinderat, wird der Ton der Kirchenkritik schärfer. Einzelne Mitglieder fragen sich, ob sie das noch mittragen können und wollen. Ein besonders engagierter Religionslehrer, den ich lange kenne, beendet wegen der aktuellen Krise im Erzbistum seinen langjährigen tollen Einsatz als Religionslehrer. Nein, das Wohlwollen für die Kirche vor Ort glättet nicht mehr in jedem Fall die Enttäuschung und die Wut auf das Bistum oder den Vatikan.

Bei Gesprächen, die ich zu diesem Thema führe, merke ich, dass auch meine eigene Perspektive sich verändert hat. Es geht eben nicht um Einzelfälle, nicht nur um individuelles Fehlverhalten Einzelner, sondern es hat sich über Jahrzehnte ein Fehlverhalten verfestigt. Es gibt anscheinend richtige Seilschaften, ungute freundschaftliche Verbundenheiten, es hat sich offenkundig ein regelrechter Sumpf entwickelt. Das erschüttert mich zutiefst.

 

MITEINANDER: Sie waren selbst einige Jahre in der Priesterausbildung tätig. Liegt das an den Männerbünden, an einem Corpsgeist, an dem vieldiskutierten Klerikalismus?

Steinke: Jedenfalls sind offensichtlich größere Änderungen im Gesamtsystem erforderlich. Es gibt zu wenig Kontrollmechanismen. Wer trifft Personalentscheidungen? Und vor allem: nach welchen Kriterien? Es muss verbindliche und transparente Kriterien geben. Das subjektive Empfinden eines Bischofs jedenfalls reicht nicht als Entscheidungsgrundlage. Ich habe in deutlicher Erinnerung, dass wir in der Priesterausbildung damals öfter keine Unterstützung des Bischofs hatten oder uns sogar dafür rechtfertigen mussten, wenn wir etwas wie menschliche Reife und soziale Kompetenz als wesentliche Voraussetzung für den priesterlichen Dienst betrachtet haben. Sicher können wir von der evangelischen Kirche und ihren demokratischen Elementen lernen. Was die Besetzung bestimmter Stellen angeht, macht es doch Sinn, dass zum Beispiel ein Stadtdechant gewählt wird. Auch eine Bischofswahl müsste eigentlich klaren Entscheidungsgrundlagen folgen und nicht persönlichen Sympathien. Bei uns wirken immer noch Mechanismen wie in früheren Jahrhunderten, der Bischof kann in vielen Themen mehr oder weniger willkürlich entscheiden.

 

MITEINANDER: Ist es am Ende nicht ausschließlich eine Frage, wer in der Kirche Macht ausübt? Anders gefragt: Lösen sich die anderen Fragen, wenn man das Machtthema endlich klärt?

Steinke: Bischöfe betonen gerne, dass die Kirche keine Demokratie sei und auch nicht sein könne. Mir ist wichtig, dass sie aber auch keine Monarchie ist. Der Heilige Geist wirkt in uns allen. Und ich bin überzeugt, dass es ein Zusammenwirken geben muss: einerseits die Loyalität zu Lehre und Tradition, dafür steht besonders die Hierarchie der Kirche, und andererseits die Offenheit dafür, wie Gott sich durch die Stimme seines Geistes im Volk Gottes, in allen Getauften, sogar durch Impulse von außen, auch durch kritische Stimmen und Reformideen selbst ins Spiel bringt. Und da haben eben wichtige moderne gesellschaftliche Entwicklungen eine hohe Bedeutung, da können auch demokratische Prozesse und Mehrheiten etwas Wichtiges sagen.  Wir können doch nicht einfach ignorieren und abtun, was die Mehrheit der Gläubigen fühlt. Auch bei Konzilien gab es doch aus gutem Grund Abstimmungen und Mehrheiten. Sie sind Ausdruck des Geistes und seines Wirkens. Deswegen wäre es auch richtig gewesen, beim Pastoralen Zukunftsweg klare Zuständigkeiten und Entscheidungswege zu definieren. Es ist nicht redlich, Beteiligung zu versprechen und dann keine Entscheidungen durch klar benannte Gremien zuzulassen. Wenn dann Entscheidungen gegen erkennbare Mehrheiten und Argumente getroffen werden, pervertiert das doch die versprochene Beteiligung.

 

MITEINANDER: Dass so viele Entscheidungen ohne Beteiligung des Gottesvolkes getroffen werden, bezeichnen viele als Klerikalismus…

Steinke: … den es in mehreren Dimensionen gibt. Eine Dimension ist der Klerikalismus unter uns Kollegen. Ich sage hier bewusst nicht Mitbrüder, denn das Wort versucht, das Ganze in einen familiären Zusammenhang zu bringen und kann eben auch zu einem regelrechten Kastendenken, einem Korpsgeist, zu einer Cliquenbildung führen. Da herrscht dann ein zu großes Harmoniebedürfnis und zu wenig kritische Auseinandersetzung. Da drückt man schon mal ein Auge zu, verschleiert Themen usw…

Eine andere Dimension betrifft die Reputation, die Kleriker bis vor wenigen Jahren noch bei den meisten Leuten hatten. Da gab es nicht nur „von Amts wegen“ wegen einen Vertrauensvorschuss, sondern eben auch die Überhöhung ihrer Stellung, eine überzogene Autorität, Kritik war tabu, so das eben auch Machtmissbrauch leicht möglich war.  Auch heute wollen die Leute in den Gemeinden nach meiner Erfahrung eher einen Pastor als Vertrauensperson haben als einen Funktionär, der die Gemeinde nüchtern und sachlich leitet und dafür auch einer entsprechenden Aufsicht nach bestimmten Kriterien unterliegt. Aber spätestens die jetzigen Missstände lassen jedenfalls die Gefahren von Klerikalismus durch zu viel Amtsbonus und amtliche Macht erkennen.

Und schließlich gibt es noch einen Klerikalismus durch die geistliche Überhöhung der eigenen Weihe. Es ist gefährlich, sich nur noch als der zu verstehen, der in der Eucharistiefeier „in persona Christi“ handelt, und sich dann allen anderen gegenüber von daher zu definieren und Gott näher zu fühlen als sie und daher irgendwie besonders. Priester müssen ihr Selbstverständnis und ihre Aufgaben von ihrem Dienst her denken. Und sie dienen in der Gemeinde, auch in der Eucharistiefeier, Mitchristen, in denen Christus durch die Taufe nicht weniger gegenwärtig ist als in einem Priester.

 

MITEINANDER: Die Gemeinde in Gerresheim diskutiert, ob Kardinal Woelki diesen Dienst an der Einheit noch glaubwürdig leisten kann. Würden Sie den Erzbischof gerade gern zu Besuch haben?

Steinke: Der Erzbischof war vor einigen Wochen hier. Im Nachgang zu einem Interview, das Frau Fieger, Frau Kaffka und ich dem Kölner Stadt-Anzeiger gegeben haben, hat er sich zu einem Gespräch hier im Pfarrhaus angekündigt. Insofern kann ich die Frage leicht beantworten: Ich hatte ihn zu Besuch.

 

MITEINANDER: Noch eine persönliche Frage. Sie sind jetzt seit genau vierundzwanzig Jahren hier Pastor und gerade einundsechzig geworden. Wie lange werden Sie noch als Pfarrer in Flingern und Düsseltal bleiben?

Steinke: Darüber habe ich tatsächlich auch schon nachgedacht, eigentlich das erste Mal so konkret, seit ich hierhergekommen bin. In diesem Jahr sind ja wieder Pfarrgemeinderats- und Kirchenvorstandswahlen. In den kommenden Jahren wird sich vermutlich das Gemeindeleben im ganzen Bistum stark verändern. Im Rahmen des Pastoralen Zukunftsweges werden auch überall größere Seelsorgebereiche entstehen. Ich habe mir überlegt und auch schon im Pfarrgemeinderat gesagt, dass ich zunächst einmal für die nächste Wahlperiode des Pfarrgemeinderates, das sind 4 Jahre, weitermachen werde. Dann werde ich 65. Und ich möchte dann rechtzeitig vorher wieder überlegen und auch in der Gemeinde besprechen, ob ich dann noch eine Runde weitermache.

 

Das Gespräch führte Carsten Horn.