Jahresinterview mit Pfarrer Dr. Ansgar Steinke

29. April 2026; Miriam Graf

„Die Gemeinde ist lebendig und trägt mich.“
Jahresinterview mit Pfarrer Dr. Ansgar Steinke, der seit 27. April 1997 hier Pastor ist

 

Herr Pastor Steinke, wie erleben Sie derzeit die Stimmung in der Gemeinde in Flingern/Düsseltal?
Ich schwebe noch auf der „Osterwolke“. Wir haben mit vielen Menschen sehr schöne Gottesdienste gefeiert, und die Stimmung war für uns überraschend gut. Angesichts der Weltlage hätte es auch anders sein können. Aber ich habe den Eindruck, dass die Menschen froh waren, gerade jetzt ein positives Fest miteinander zu feiern. Wenn ich darüber hinaus auf die Gemeinde schaue, kann ich sagen: Ich bin zufrieden. Die Gemeinde ist lebendig, die Menschen sind engagiert, gastfreundlich und bringen sich ein. Das trägt.

Wenn Sie auf das vergangene Jahr zurückblicken: Was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Ein Projekt, oder besser: Experiment, ragt für mich heraus: unser Weihnachtsmarkt im Advent, den „Flingern mobil“ gemeinsam mit uns organisiert hat. Es war kein klassischer Weihnachtsmarkt, sondern bewusst ein Angebot für Menschen, die es nicht so leicht haben. Essen und Trinken waren kostenlos. Und das Entscheidende war: Die Menschen sind gekommen. Gleichzeitig hat sich auch die Nachbarschaft dazu gesellt, und es sind viele Begegnungen entstanden. Zahlreiche Ehrenamtliche haben sich eingebracht. Für uns war das insofern bemerkenswert, als wir solche großen Aktionen eigentlich kaum noch stemmen können. Das ging nur durch die Zusammenarbeit – und es hat sich gelohnt. 

Daneben ist für mich weiterhin wichtig, dass wir die Kirche immer wieder einmal für Kunst öffnen. In diesem Stadtteil gibt es viele Künstler, und wir stellen unsere Räume zur Verfügung. Gleichzeitig bringen wir als Kirche unsere eigene Sicht auf das Leben ein. Das führt zu spannenden Gesprächen.

Und, ganz klassisch, aber auch in diesem Jahr wieder eine begeisternde Erfahrung für uns Seelsorger: Die Begegnung mit den Erstkommunionfamilien, also den Kindern, aber vor allem auch den Eltern. Da ist eine schöne Verbundenheit entstanden und echtes Interesse – aneinander und an der Botschaft, dem Evangelium, das wir vermitteln möchten.

Gab es auch persönliche Einschnitte im vergangenen Jahr?
Ja. Meine Mutter ist im letzten Mai gestorben. Die Zeit davor und der Abschied haben mich sehr beschäftigt und geprägt. Themen wie Tod und Auferstehung sind dadurch noch einmal auf eine ganz persönliche Weise nahegerückt. Und gesundheitlich habe ich gemerkt, dass auch ich älter werde. Ich bin in den letzten Jahren zweimal schwer gestürzt. Na ja, ich werde jetzt 66 ... 

Und Sie feiern in diesem Jahr Ihr 40-jähriges Priesterjubiläum. Was bedeutet Ihnen das?
Ich bin da eher nüchtern. Für mich ist 40 keine Jubiläumszahl. Das ist eher ein Arbeitsjubiläum. Aber natürlich zeigt es mir, dass ich diesen Beruf über eine lange Strecke gemacht habe – und immer noch gern mache. Das ist für mich das Entscheidende. Ich habe meine Berufung leben können, ohne die Freude daran zu verlieren.

Sie sind seit fast 30 Jahren hier tätig. Wie hat sich die Gemeinde in dieser Zeit verändert?
Die größte Veränderung ist sicherlich, dass die Gemeinde deutlich kleiner geworden ist. Als ich angefangen habe, waren es etwa 16.000 Mitglieder, heute sind es rund 10.000. Das ist schon eine rasante Entwicklung. Gleichzeitig verändert sich die Gemeinde ständig: Menschen ziehen weg, viele von damals leben auch nicht mehr, und andere kommen neu hinzu. Der Kreis der Engagierten erneuert sich immer wieder. Dabei gibt es die ganze Zeit einen Kern von Menschen, die sich nicht entmutigen lassen. Sie tragen die Gemeinde und sorgen dafür, dass wir weiterhin sagen können: Kommt zu uns, hier ist es gut.

Wie haben Sie die Situation im Pastoralteam im vergangenen Jahr erlebt?
Durch die Erkrankung von Pfarrer Bünnagel war das letzte halbe Jahr für uns alle eine belastende Zeit, vor allem wegen der Ungewissheit. Übrigens haben wir bei den Gottesdiensten viel Unterstützung von anderen Priestern bekommen. Bewegend war: Diese Kollegen sind gern gekommen und haben sich hier wohlgefühlt. Die Gemeinde hat das sehr positiv aufgenommen. Das war für uns nicht nur Hilfe, sondern auch eine echte Bereicherung. Nun freuen wir uns, wenn Pfarrer Bünnagel bald wieder seinen Dienst aufnehmen kann.

Die Kirche verliert insgesamt Mitglieder. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Ich sehe das sehr realistisch. Wir werden diesen Trend nicht umkehren. Das hat viele Gründe: Die religiöse Erziehung ist weniger selbstverständlich geworden, die Gesellschaft ist vielfältiger, und in einem Stadtteil wie Flingern leben viele Menschen in einer Lebensphase, in der persönliche und auch berufliche Lebensentscheidungen sich nahelegen – zum Beispiel auch für oder gegen die Kirche. Man muss aber auch einfach sagen: Wir haben es mit Freiheit zu tun. Glaube ist Beziehung zwischen Gott und Mensch. Und wie jede Beziehung entwickelt sich das unterschiedlich und bleibt letztlich auch ein Geheimnis. Das ist manchmal schwer auszuhalten, aber es gehört dazu.

Wie kann Kirche unter diesen Bedingungen Menschen noch erreichen?
Wir erreichen Menschen durchaus – aber anders, als man vielleicht früher gedacht hat. Mir ist wichtig, dass wir Menschen nicht als „Zielgruppe“ betrachten, die wir irgendwie zurückgewinnen müssen. Das wäre manipulativ. Wenn ich etwa bei einer Taufe oder Beerdigung Menschen begegne, dann möchte ich ihnen vor allem einen guten Dienst tun. Ob daraus mehr entsteht, liegt nicht in unserer Hand. Glaube ist nichts, was man machen kann.

Ein Beispiel dafür?
Ich hatte vor kurzem eine junge Frau hier, die sich taufen lassen möchte. Sie erzählte, dass sie über TikTok Gebete sucht und findet, die ihr im Glauben helfen. Ich als alter Mann sehe mit Staunen: Wege zum Glauben entstehen heute oft ganz anders, als ich es erwarten würden. Das ist natürlich eine Generationenfrage, aber auch grundsätzlich ist es so: Wir können nicht wirklich planen oder steuern, welche Wege Gott zu uns geht.

Auch strukturell steht die Kirche vor großen Veränderungen. Wie sehen Sie die Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden und die geplante Fusion?
Zunächst einmal muss man sagen: Wir haben uns gemeinsam mit den Gremien bewusst für einen langsamen Weg entschieden. Es geht um die künftige pastorale Einheit im sogenannten „Nördlichen Düsselbogen“, also um die Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden in Flingern/Düsseltal und denen in Derendorf und Pempelfort. Im Moment sind das noch zwei getrennte pastorale Räume – auch, weil sie im Alltag der Menschen tatsächlich unterschiedlich funktionieren. Wer hier in Flingern lebt, bewegt sich meist in anderen Zusammenhängen als jemand in Derendorf oder Pempelfort. Das sind eigene Lebensräume.

Deshalb haben wir mit dem Erzbistum vereinbart, die Zusammenführung erst 2030 umzusetzen. Zunächst wird hier vor Ort in Flingern/Düsseltal formal eine gemeinsame Pfarrei gebildet – was im Grunde nur nachvollzieht, was längst gelebte Realität ist. Danach wird es einen Zusammenschluss als Kirchengemeindeverband mit der Pfarrei Hl. Dreifaltigkeit in Derendorf/Pempelfort geben. Ich sehe darin vor allem eine Notwendigkeit. Wir haben weniger Mitglieder, weniger Personal, auch weniger Ehrenamtliche, und weniger finanzielle Mittel. Deshalb müssen wir uns zusammenschließen, um handlungsfähig zu bleiben. Gleichzeitig ist mir wichtig: Zusammenarbeit muss wachsen und kann nicht verordnet werden. Ein Beispiel sind unsere Messdiener, die schon hier und da gemeinsam unterwegs sind – etwa bei Fahrten. So entstehen Kontakte ganz natürlich.

Sie nähern sich langsam dem Ende Ihrer aktiven Zeit als Pfarrer. Was möchten Sie in den kommenden Jahren noch erreichen?
Ich sehe mich in einer Phase des Abschlusses. Ich möchte das, was hier über viele Jahre gewachsen ist, gut zu Ende führen, bis ich 2030 pensioniert werde. Die Zusammenarbeit der Gemeinden in Flingern und Düsseltal ist über Jahrzehnte gewachsen – und ich habe das Gefühl, diese Phase nun auch abschließen zu können. Das ist für mich etwas Rundes.

Was gibt Ihnen persönlich Kraft für diese letzten Jahre?
Die Gemeinde selbst. Wenn ich einen Gottesdienst feiere und anschließend mit Menschen ins Gespräch komme, trägt mich das. Dazu kommen persönliche Beziehungen und meine Familie. Und natürlich mein Glaube. Ich habe das Gefühl, in meinem Leben gut behütet worden zu sein.

Was möchten Sie besonders jungen Menschen mitgeben?
Dass der Glaube etwas Frohmachendes ist. Ich wünsche mir, dass sie entdecken: Der Glaube trägt das Leben, er ist nichts Bedrückendes oder Einengendes. Wenn das spürbar wird, wäre schon viel gewonnen.

Und wenn Sie einen Wunsch an Ihre Gemeinde frei hätten?
Einen konkreten Wunsch habe ich eigentlich nicht. Nach so vielen Jahren ist vieles gewachsen und hat sich entwickelt. Ich bin eher gespannt, wie es weitergeht – und vertraue darauf, dass es gut wird.

 

Das Gespräch führte Henning Schoon.

 

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Ausblick – Besondere Veranstaltungen und Aktionen

 

  • Nächste Kinderkatechese in der Sonntagsmesse in St. Paulus am 14. Juni

    Am 14. Juni findet in der Sakristei von St. Paulus während der Sonntagsmesse um 11.15 Uhr wieder eine eigene Kinderkatechese für Kinder im Schulalter statt. 

    Die nächste Kinderkatechese gibt es weiterhin an jedem zweiten und vierten Sonntag im Monat (außerhalb der Schulferien).