Gruß zum neuen Jahr

1. Januar 2022;

Liebe Gemeinde!

Die Jahreswende ist uns Anlass, unsere Zeit vor Gott zu bedenken: die zurückliegende Zeit, die sich wie der Jahresring eines Baumes um unser bisheriges Leben legt, und die bevorstehende Zeit, in der der Zauber eines neuen Anfangs liegt. Rainer Maria Rilke schreibt in seinem Stundenbuch: 

 

„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,

die sich über die Dinge ziehen.

Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,

aber versuchen will ich ihn.

 

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,

und ich kreise jahrtausendelang;

und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm,

oder ein großer Gesang.“

(Rainer Maria Rilke, Gedichte. Frankfurt am Main 41990, S.199) 

 

„Ich lebe mein Leben!“ Kein anderer kann mir dieses Leben abnehmen. Ich lebe es frei und selbstbestimmt. Ich bin weder ein instinktgeleitetes Tier noch eine Marionette in der Hand Gottes. Ein Mensch kann nicht erwachsen werden, wenn er keinen Freiraum hat, selbst zu entscheiden. Paulus nennt das die Freiheit der Kinder Gottes (Röm 8,21). Wenn ich nun auf das vergangene Jahr zurückschaue: Lebe ich wirklich mein Leben? Oder entscheiden längst Andere über mich? In der Corona-Krise haben wir gelernt, dass eine vorübergehende Einschränkung der eigenen Freiheit zugunsten des Überlebens anderer angemessen sein kann. Darüber hinaus ist selbstständiges und verantwortliches Handeln ja nur möglich, wenn ich die Folgen meiner Handlung absehen kann: Zum Beispiel wird ein Messer, das ich zum Brotschneiden verwende, nicht plötzlich zu Gummi, wenn ich es in die Rippen eines Mitmenschen zu stoßen versuche. Und so begegnen wir dem zwielichtigen Gesicht der Naturgesetze: Auf der einen Seite sind sie in ihrer Verlässlichkeit Voraussetzung für unsere Willensfreiheit, auf der anderen Seite bringen die Gesetzmäßigkeiten einer frei gelassenen Schöpfung nicht nur Licht, sondern auch Schatten hervor, nicht nur Heil, sondern auch Unheil, nicht nur Leben, sondern auch Tod, und so etwas wie die Corona-Viren. Die Verlässlichkeit der Naturgesetze ermöglicht aber auch die Forschung, so dass die gewonnenen Erkenntnisse uns helfen, das Leben zum Besseren hin zu wenden, wie zum Beispiel die Entwicklung eines Impfstoffes gegen Corona. Unser Glaube hilft uns, trotz der negativen Kehrseite der Naturgesetze einer freigelassenen Schöpfung, dem Leben gegenüber positiv eingestellt zu bleiben. 

„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen…“, so geht das Gedicht weiter. Unser Leben ist nie einfach fertig. Es ist beständig im Werden begriffen, und so sprechen wir vom Wachsen und Reifen. Gibt es solche Reifungsschritte, wenn ich auf das vergangene Jahr zurückblicke? Oder steht ein wichtiger Schritt für das neue Jahr an, den ich mir fest vornehmen möchte? Im Glauben sprechen wir in diesem Zusammenhang von „Herzensbildung“, oder von dem, was die Seele prägt. So konnte in den erlebten Krisen ein neues Gespür für solidarischen Zusammenhalt wachsen, für mehr Rücksichtnahme und Mitgefühl. Tugenden, wie Mut, Geduld und Ausdauer, gewinnen wieder an Bedeutung. Verzicht üben und auch die Gerechtigkeitsfrage bei der Entlohnung beruflicher Leistungen wird uns noch länger begleiten. 

Alles Nachdenken über die Lebenszeit macht nur Sinn, wenn ich auch eine Antwort auf die Frage nach dem Tod habe: „Ich werden den letzten vielleicht nicht vollbringen…“ Was darf ich hoffen? Wer zieht einmal den Schlussstrich unter mein Leben? „… aber versuchen will ich ihn!“ Unser Glaube stimmt uns zuversichtlich, dass das Leben einen Sinn hat, auch wenn es an seine irdischen Grenzen stößt. So will ich den nächsten Jahresring beginnen. Ob ich ihn vollende, das steht nicht allein in meiner Macht. Doch in allem kreist mein Leben um eine verlässliche Mitte, die Halt gibt. Rilke schreibt dazu weiter in seinem Gedicht: „Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, und ich kreise jahrtausendelang; und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm, oder ein großer Gesang.“ Bei Gott sind tausend Jahre wie ein Tag, so dass in seiner Gegenwart auch meine Lebenszeit völlig grenzenlos wird. Einmal wird er es sein, der mein Leben vollendet und es in seiner Ewigkeit bewahrt, und der ihm einen Namen gibt, der es angemessen würdigt. Sei es ein Leben flink und leicht, ein Leben mit stürmisch wildem Herzen, oder ein Leben voller Klang. Die von Rilke angedeutete Aufzählung lässt sich ergänzen, je nachdem, in welchem Symbol Sie momentan Ihr Leben bündeln möchten. Das kann dann eine Momentaufnahme sein. Da wird sich über die Jahre noch Vieles ändern. Und doch gibt es tief in uns drin eine Ahnung, was das sein könnte. So kommen wir mit den Jahren dem auf die Spur, was Gott auf dem Grund unserer Seele verankerte, als er uns ins Leben rief. Gottes Segen begleite uns dabei! 

Benedikt Bünnagel 

   

 

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