Evangelium und Impuls

16. April 2021;

 

Zum Weiterdenken

„Warum lasst ihr in eurem Herzen solche ZWEIFEL aufkommen?“ – Gedanken zum letzten (Joh 20,19-31) und zum aktuellen Sonntagsevangelium (Lk 24,35-48)

Zweifel an der Auferstehung Jesu – schon am letzten Sonntag beim Apostel Thomas ging es darum. Und im aktuellen Sonntagsevangelium spricht Jesus es ausdrücklich als Problem des ganzen Jüngerkreises an: „Warum lasst ihr in eurem Herzen solche Zweifel aufkommen?“. 

Das Thema des Glaubenszweifels durchzieht die Bibel von Anfang an: Adam und Eva zweifeln an dem (guten) Motiv Gottes, als er ihnen verbietet, von einem bestimmten Baum im Paradies zu essen; Kain zweifelt, ob sein Opfer (und damit er selbst) bei Gott ebenso angenommen ist wie das Opfer seines Bruders Abel; das Volk Israel zweifelt so sehr an der Gegenwart seines unsichtbaren und ungreifbaren Gottes, dass es ein goldenes Kalb baut, um ihn sicher in seiner Mitte zu wissen. Jesus bemängelt im Boot auf dem stürmischen See den Kleinglauben seiner Jünger, wie er sich auch über den Unglauben in seiner Heimatstadt Nazareth wundert, einen Zweifel, der ihn hindert, dort Wunder zu wirken. Und nach dem Tod Jesu herrscht rundum Zweifel an seiner Auferstehung: auf Seiten der Apostel gegenüber den Frauen, bei den Frauen gegenüber dem Boten im Grab, Thomas gegenüber den anderen Aposteln, Zweifel der Jünger gegenüber Jesus, als der ihnen erscheint. Es bleibt bis zum Schluss dabei: „Einige aber hatten Zweifel“ (Mt 28,17). 

Ob Jesus selbst auch so etwas wie Zweifel kennt? Mindestens sind die Versuchungen, die er erlebt, dem Zweifeln verwandt, ebenso wie seine Not angesichts des bevorstehenden Todes („Warum hast du mich verlassen“). Jedenfalls hatte er eine positive Fähigkeit zum Zweifeln, die ihn im Glauben voranbrachte: Indem er traditionelle Interpretationen der Heiligen Schrift in Zweifel zog, also kritisch hinterfragte, fand er erst zu seinem ganz eigenen und radikalen Verständnis der Liebe Gottes und seiner Gebote – „Ich aber sage euch …“. Nein, Zweifel muss nicht immer schlecht sein.

Barack Obama hat seine Mitarbeiter fast jeden Tag mit der Frage konfrontiert: „What, if we‘re wrong?“. Es ging ihm darum, die eigene Idee in Zweifel zu ziehen, um mögliche Schwächen darin zu erkennen und zu überwinden. So wachsen auch Kinder durch unbeirrtes Infragestellen, Anzweifeln („ Warum?“) in der Erkenntnis. Ebenso kommt die Wissenschaft durch den methodischen Zweifel an aufgestellten Hypothesen letztlich voran. 

Und es kann auch im Glauben helfen, vertraute Gewissheiten in Zweifel zu ziehen (oder die Zweifel anderer daran ernst zu nehmen), um Vorstellungen zu überwinden, die nicht wirklich überzeugen, und dann reifer zu glauben. Ich betrachte drei Arten von Zweifel als glaubensfördernd:

 

1. Zweifel gegenüber der Bibel und dem gläubigen Bekenntnis: Kann es so (gewesen) sein? 

Wie ist es wirklich (gewesen) mit der Schöpfung, den Wundern, der Auferstehung, ja mit einem als persönlich verstandenen Gott? Diese Fragen sind ja berechtigt. Denn mit unserem heutigen Wissen, unserer heutigen Art zu denken und zu empfinden, mit unseren heutigen gesellschaftlichen Vorstellungen im Hinterkopf würden wir wohl die Bibel anders schreiben und unsere Erfahrungen des Glaubens anders formulieren (müssen). Wir würden andere Sätze und Geschichten finden, um von der Macht Gottes, der Gerechtigkeit, der Liebe, dem Willen und dem Handeln Gottes zu reden. Und wir müssen sogar versuchen, unseren Glauben an Gott in eigene Worte zu fassen, also die traditionellen Texte so übersetzen, dass wir sie innerlich akzeptieren können, dass sie uns einleuchten und wir sie selbst nicht mehr bezweifeln. Um zu glauben reicht es nicht, nur die Formulierungen vergangener Glaubender zu zitieren. Sonst würden wir ja auch blind annehmen müssen, was Herz und Verstand ablehnen – und das auch anderen zumuten, denen wir unseren Glauben weitergeben wollen. Aber reines Gehorchen reicht nicht, um wirklich überzeugt zu glauben. Es geht also um einen produktiven Zweifel, der sich an der überlieferten Schrift und dem vorgegebenen Bekenntnis abarbeitet, bis der eigene heutige Glaube sie so versteht, dass er deren Aussage annehmen und vertreten kann. 

 

2. Der zweifelnde Protest gegenüber bedrückenden Realitäten: Das kann doch nicht wahr sein!  
So ein Zweifel aus Verzweiflung entsteht aus der Diskrepanz zwischen der geglaubten Güte Gottes, der doch eine gute Welt schuf („Gott sah, dass es gut war“), und Erfahrungen des Unguten, des unerträglichen Leids. Solchen Zweifel dürfen wir gar nicht argumentativ wegerklären, wegreden. Sonst wird das gläubige Bekenntnis empathiefrei, ja lieblos. Solchen Zweifel müssen wir eigentlich teilen. Das macht unseren Glauben (mit)menschlich. „Das kann doch nicht wahr sein!“ mobilisiert uns, gegen das Übel zu sein und vorzugehen. Es als Gottes Willen zweifelsfrei anzunehmen, mag nach festem Glauben klingen, ist es aber nicht. Dazu gehört es vielmehr, mitzufühlen, also in gewissem Sinn auch mitzuzweifeln – und zu handeln.

 

3. Schließlich gibt es da noch den grundlegenden Zweifel: Und wenn es Gott nicht gibt? 
Ob auch das hilfreich sein kann? In gewissem Sinne wohl. Denn auch in menschlichen Beziehungen des Vertrauens und der Liebe ist es nicht unwichtig, dass ein sanfter Zweifel mitgeht. Nämlich eine Nichtgewissheit über die Liebe, die verhindert, dass ich mir eines anderen Menschen zu sicher bin, so sicher, dass ich in der Aufmerksamkeit und dem Bemühen um die Beziehung und diesen anderen Menschen nachlasse. Eine andere Person habe ich nie „in der Tasche“. Zu sichere Gewissheit kann zu Unaufmerksamkeit und einer schleichenden Entfremdung führen. Das gilt auch für die Beziehung zu Gott. Also: Was, wenn es Gott nicht gäbe? Wenn ich in diese Frage hineingerate – ob dann nicht bald auch der Gegenzweifel entstünde: Was, wenn es Gott doch gäbe? Und ich merke: Ich möchte ja an Gott, meinem Glauben an ihn, meinem Vertrauen und meiner Liebe festhalten. Vielleicht wirkt hier Gott selbst – in meinem Zweifeln.

Noch einmal zum Evangelium: Wie es genau war, dass sich der Auferstandene den Jüngern als lebendig zeigte, bleibt eigentlich offen: einerseits wie ein Geist, durch Türen hindurch, ebenso wieder weg, wie er kam – andererseits zum Anfassen konkret, er zeigt seine Wunden, er isst mit den Jüngern. Das erklärt nicht, wie man sich den Auferstandenen vorstellen muss. Nur dass es wahr ist, nicht wie es gewesen ist, ist die Aussage. 

Anders als das früheste Evangelium (Markus), das ursprünglich keine Erscheinungen berichtet, sondern mit der Botschaft von der Auferstehung und dem Zweifel der Frauen am Grab endet, reagieren die drei späteren Evangelien (Matthäus, Lukas, Johannes) auf Zweifel in ihren Gemeinden und schreiben Erscheinungserzählungen, um diesen Zweifel zu überwinden. 
Wie gut, dass sie hier, auch für uns und unsere Zweifel, erkennbar um (neue) richtige Worte ringen!

Uns, die wir uns Sonntag für Sonntag in die Nähe des Auferstandenen begeben, beim Brotbrechen, in der Eucharistie, und die wir nach Erfahrungen des Auferstandenen suchen, die uns in unserer Art zu denken und zu fühlen erreichen, gilt am Ende wohl der Rat: Zweifel nicht verdrängen, sondern sie beharrlich ihm selbst, Gott, Christus sagen, darüber direkt mit ihm kommunizieren und das nicht nur mit uns selbst ausmachen! Dann kann er reagieren und helfen.

 

Ansgar Steinke

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